Antifa goes Datenjournalismus

18. Januar 2013

Über die Vielzahl an Büchern, die bereits zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) erschienen sind, habe ich bereits vor einiger Zeit in der Jüdischen Allgemeinen und auf Netz-gegen-Nazis berichtet. An dieser Stelle ist die Rede von etwas ganz anderem als Büchern: Antifaschistische Arbeit mithilfe von Datenjournalismus.

Ein Interview, das ich am 11. Januar 2013 mit Felix Hansen vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V. (Apabiz) für einen Artikel in der Jungle World geführt habe: Es geht um das Apabiz-Projekt „Rechtes Land. Atlas zur extremen Rechten und zur Nazi-Vergangenheit“, Datenjournalismus und Crowdfunding sowie den NSU. In welche Richtung das Ganze gehen kann, hat die Amadeu Antonio Stiftung bereits mit einer, allerdings statischen, Übersichtskarte über die geographische Verteilung von Nazi-Kameradschaften gezeigt.

Felix Hansen, was ist die Idee hinter Eurem Projekt „Rechtes Land“?

Es gibt verschiedenste Quellen für Informationen zur extremen Rechten: Diverse Publikationen, Initiativen, die ein enormes Wissen über Nazis in bestimmten Regionen haben, journalistische Blogs, Inis, die auf einer lokalen Ebene Entwicklungen beobachten und dokumentieren. Es gibt Initiativen, die Aktionen machen und sich gegen Nazis stellen, wenn Aufmärsche oder Kundgebungen stattfinden. Die Idee ist jetzt, dieses Wissen auf einer Karte zusammenzuführen und über diesen visuellen Zugang eine übersichtliche Quellensammlung zu schaffen.

Was genau ist der Vorteil, diese Sammlung in Atlas-Form zu schaffen?

Den Vorteil sehen wir darin, dass man auf diese Weise lokal vorhandenes Wissen breit zugänglich machen kann. Also Wissen, das in einer bestimmten Region vorhanden ist. Beispielsweise in einem bestimmten Bezirk von Berlin, wo es Initiativen gibt, die Übergriffe dokumentieren. Das Wissen gibt es vielleicht auf deren Website, aber normalerweise wird niemand, der nicht speziell danach sucht, darauf stoßen. Über eine Karte, wie wir sie planen, ist es relativ einfach, sich durch bestimmte Kategorien durchzuklicken. So kann ich etwa auf Berlin klicken und sofort sehen, was Initiativen und Beratungsstellen dort an Übergriffen dokumentiert haben.

Dadurch bekommt man ja auch leichter die Möglichkeit, visuell bestimmte Häufungen von Übergriffen, Aufmärschen oder anderen Nazi-Aktivitäten zu erkennen.

Ganz genau. Das ist sicherlich auch eine Idee hinter dem Projekt, dass man auf diese Weise Schwerpunkte in bestimmten Regionen erkennt, in denen gewisse Entwicklungen stattfinden. In eine Beta-Version der Karte haben wir zum Beispiel alle rechten Morde seit 1990 aufgenommen. Das ist ja Wissen, das es bereits gibt, in Form von großen Listen, die von Journalistinnen und Journalisten, von Opferberatungsstellen und Initiativen recherchiert wurde. Und wenn wir diese Morde jetzt auf einer Karte verzeichnen, sehen wir schnell bestimmte Schwerpunkte. Einer liegt zum Beispiel im Westen Deutschlands, in Nordrhein-Westfalen. Ein solcher Schwerpunkt ist im öffentlichen Bewusstsein über Nazis in der Form gar nicht vorhanden.

Dort ist ja vor allem der Osten als Schwerpunkt verankert.

Genau. Der Osten ist sicherlich auch ein Schwerpunkt, aber es gibt eben auch Häufungen in bestimmten Regionen des Westens, die man auf einer solchen Karte relativ schnell erkennt. Das ist ein großer Vorteil einer Karte gegenüber einer Liste, in der an sich die gleichen Informationen vorhanden sind, aber eben die bildliche Darstellung fehlt. Durch den Atlas kann man bestimmte Zusammenhänge sehr gut darstellen.

Seit Februar 2012 betreibt das Apabiz ja bereits ein NSU-Watchblog, das ebenfalls schon interaktive Elemente enthält – ist das gewissermaßen der Vorläufer von „Rechtes Land“?

Ja, wir sind schon seit einiger Zeit dabei, herum zuspielen und zu experimentieren, was es für Möglichkeiten gibt, vorhandenes Wissen in einer modernen, datenjournalistischen Form darzustellen, um dadurch Strukturen besser zu erkennen. Das gilt gerade beim Thema NSU. Da waren wir mit einer Fülle von Informationen, Daten und Orten konfrontiert. Wir wollten schauen, wie wir selbst einen Zugang dazu bekommen können, wie wir das selber ordnen können. Also haben wir versucht, die einzelnen Taten des NSU – Morde, Bombenanschläge, Banküberfälle sowie Wohnorte der Mitglieder und Unterstützer – darüber abzubilden und zu gucken, was man dadurch erkennen kann.

Folgt diese neue Form von Projekten also dem Motto „Antifa goes Datenjournalismus“?

Es ist sicherlich ein Austesten, was man mit den gesammelten Informationen alles machen kann, welche Möglichkeiten sich bieten. Oft sind es ja keine Informationen, die erst noch recherchiert werden müssten, sondern es ist eine neue Form der Aufbereitung und der Versuch, darüber nochmal einen neuen Zugang zu bestimmten Zusammenhängen zu bekommen – für uns selber, aber auch für Leute, die vielleicht nicht so in der Materie sind.

Wie funktioniert die technische Umsetzung?

Wir haben mit der Firma „Lokaler“ einen Kooperationspartner, der eine Kartenanwendung als Content Management System entwickelt hat. In das kann man Informationen aus verschiedenen Quellen einfließen lassen, die dann auf einer Karte dargestellt werden. Es handelt sich dabei um eine OpenStreetMap-Karte, also die frei zugängliche Alternative zu GoogleMaps, über die dann Marker abgebildet werden.

Gibt es auch aus dem Journalismus Kooperationspartner?

Bislang noch nicht. Es gab bereits viel Feedback aus Initiativen. Aber gerade bei Journalistinnen und Journalisten, die nicht besonders in der Materie drin sind, fällt immer wieder auf, welche Leerstellen in puncto Wissen und Zusammenhänge existieren. Natürlich gibt es einige wenige, die auch schon seit Jahren intensiv zu diesem Themenkomplex recherchieren. Aber im Großen und Ganzen, auch dadurch, dass im ganzen Journalismus sehr viel gespart wird, ist das ein Thema, das bis zum November 2011 quasi flach fiel.

Rechtes Land: Schreenshot von Startnext.de

Rechtes Land: Schreenshot von Startnext.de

Das Projekt „Rechtes Land“ soll durch eine Crowdfunding-Initiative finanziert werden – wie kam es zu dieser Idee?

Das bot sich an, weil wir „Rechtes Land“ als unabhängiges Projekt durchführen wollten, ohne große Einzelförderer. Bei einem solchen Netzprojekt liegt es zudem nahe, mal eine neue Form der Finanzierung auszuprobieren. Das ist für uns auch ein Experimentierfeld, um zu schauen: Funktioniert so etwas überhaupt? Man erreicht darüber ja auch noch andere Leute, zu denen man sonst vielleicht nicht so den Zugang hat, weil sie nicht Teil unseres klassischen Netzwerkes sind. Das ist jedenfalls schon jetzt unsere Erfahrung, nachdem das Projekt Anfang Januar startete.

Warum ist die Unbhängigkeit so wichtig?

Uns geht es darum, dass wir keine inhaltlichen Kompromisse machen müssen. Zum Beispiel gibt es bei der Förderung durch staatliche Gelder immer wieder Probleme mit der „Extremismusklausel“.

Das ganze läuft auf der Plattform „Startnext.de“. Wie läuft das Crowdfunding dort ab?

Das Prinzip ist, dass man sagt: Ich brauche eine Summe „X“. Bei uns sind das 5.000 Euro, um die Anschubfinanzierung für das Projekt hereinzubekommen. Über „Startnext.de“ können dann Leute für das Projekt Geld spenden. Die Mindestbeiträge sind sehr niedrig angesetzt. Wir haben gesagt: Wir brauchen 1.000 mal fünf Euro. Die Aktion läuft dann über 30 Tage. In dieser Zeit müssen die 5.000 Euro zusammenkommen. Wenn das nicht klappt, wird es das Projekt nicht geben.

Was passiert, wenn Ihr das Ziel von 5.000 Euro sogar übertrefft?

Dieser Betrag ist für uns eine Mindestsumme, um davon hauptsächlich Honorare für Leute zu bezahlen, die das Projekt redaktionell betreuen. Die technische Plattform wird uns glücklicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt. Sollte mehr zusammen kommen, können wir noch mehr Arbeit hineinstecken, also noch mehr Informationen verarbeiten. Im wesentlichen geht es dabei um das Einpflegen bereits existierender Rechercheergebnisse. Es gibt aber auch Überlegungen, noch zusätzliche Informationen zu sammeln. Beispielsweise was die Anzahl rechter Aufmärsche angeht. Dazu gibt es zwar durch Kleine Anfragen Zahlen von der Bundesregierung, aber es hat sich gezeigt, dass diese unvollständig sind. Sollten sogar mehr als 8.000 Euro zusammen kommen, geben wir die zusätzlichen Gelder weiter für die unabhängige Beobachtung des NSU-Prozesses in München, der wahrscheinlich im April beginnt.

Vielen Dank für das Gespräch.


While my Gentrification gently weeps

23. August 2012

Kürzlich unterhielt ich mich mit Alex und Lorenz von der Gruppe „Andere Zustände ermöglichen“ über deren Kampagne „Spot the Touri“. Das Ergebnis wurde vergangene Woche in der Jungle World im Rahmen des Themenschwerpunktes „Tourismus und Gentrifizierung in Berlin“ veröffentlicht. Interessant finde ich auch die Provo-Aktionen der „Hipster-Antifa Neukölln“ zur Kritik der Gentrifizierungskritik.

Andrej Holm kritisierte die Gentrifizierungskritiker in der gleichen Ausgabe der Jungle World. Er betreibt zudem das empfehlenswerte „Gentrification Blog“ mit „Nachrichten zur Stärkung von Stadtteilmobilisierungen und Mieter/innenkämpfen“.

Inahltlich nach wie vor am Spannendsten, weil in die Tiefen der theoretischen Implikationen dieser Debatte gehend, finde ich im übrigen die Auseinandersetzung zwischen Andrej Holm und Junge Linke – absolute Leseempfehlung!

"Zündet Touris an und keina muss mehr frieren!" Berlin-Neukölln 2011,(c) A. Anchuelo

„Zündet Touris an und keina muss mehr frieren!“ Berlin-Neukölln 2011,
(c) A. Anchuelo


„Ein defensiver, aufsässiger Gegner“

5. Juni 2012

Israels Nationalteam präsentierte sich beim 0:2 gegen Deutschland als Elf mit zukunftsfähigem Konzept. Nur der Weg zur Weltspitze ist noch lang. Eine Analyse zur Situation der israelischen Nationalmannschaft von Martin Krauß und André Anchuelo

Eli Guttmann ist ein freundlicher Mensch. Sogar dann noch, wenn der israelische Nationaltrainer unbeobachtet ist und in der Halbzeitpause zu seiner Mannschaft spricht. „Ich habe meinen Spielern gesagt, sie sollten fair spielen, weil die deutsche Elf zur Europameisterschaft fährt, und sie soll unverletzt fahren.“ So nett war Eli Guttmann am Donnerstagabend in den Katakomben des Leipziger Zentralstadions, als seine Elf mit 0:2 (0:1) gegen Deutschland verlor.

Deutschland gegen Israel, Leipzig, 31.5.2012

Was für Guttmanns Kollegen Jogi Löw der letzte Test vor dem eine Woche später beginnenden EM-Turnier in Polen und der Ukraine war, bedeutete für den 54-jährigen Israeli den Auftakt zu dem langen Projekt: Die israelische Nationalmannschaft, derzeit nur auf Platz 58 der FIFA-Weltrangliste, an die europäischen Spitzenteams heranzuführen.

Der Weg dorthin begann in Leipzig hinten, und zwar ziemlich konsequent: „Kontrollierte Defensive“ nennt Guttmann das Spiel seiner Elf. Vor Torwart Ariel Harush von Betar Jerusalem agierte in der Startformation eine gut aufgestellte Viererkette  aus Bibras Natcho, Eitan Tibi, Tal Ben Haim und Yuval Shpungin.

Deutschland gegen Israel, Leipzig, 31.5.2012

In dieser Kombination steckt das ganze Guttmannsche Konzept: Es sind, bis auf den erfahrenen Ben Haim (30 Jahre alt) alles sehr junge Spieler: 24 und 25 Jahre alt. Und es sind, bis auf Tibi vom israelischen Überraschungsmeister Hapoel Kirjat Schmona alles Spieler, die ihr Geld in ausländischen Ligen verdienen – beim russischen Erstligisten Rubin Kazan (Natcho), beim früheren englischen Premier-League-Club Portsmouth FC (Ben Haim) oder auch bei beim zyprischen Vizemeister Omonia Nikosia (Shpungin).

Die israelische Elf präsentierte sich gegen den Weltranglisten-Zweiten – wie schon am Samstag zuvor gegen Tschechien (1:2) – mit einer sehr defensiven Grundordnung. Vor der Viererkette stand eine gleichfalls defensiv aufgestellte Vierer-Mittelfeldreihe, darunter mit Avichay Yadin (26, Hapoel Tel Aviv) einer, der als rein defensiver Mittelfeldspieler unmittelbar vor der Abwehr postiert war – in der modernen Fußballsprache ein klassischer „Sechser“.

„Es war klar, dass die deutsche Mannschaft das Spiel dominieren würde“, verteidigte Guttmann seine sehr defensive Ausrichtung. Vorne, also in dem, was in etwas offensiveren Mannschaften schon mal Sturmzentrum genannt wird, hatte sich anfangs nur Itay Schechter (25, noch beim 1. FC Kaiserslautern unter Vertrag) eingefunden. Kapitän Yossi Benayoun (32, FC Arsenal) löste sich mit Maor Melikson (27, Wisla Krakow) als Flügelstürmer ab, zumeist verstärkten die beiden Offensivleute aber das Defensivbollwerk des israelischen Teams.

Deutschland gegen Israel, Leipzig, 31.5.2012

Nach 45 Minuten wurde allerdings das gesamte Trio ausgewechselt. Alle drei Spieler stehen für einen schnelleren und offensiveren Fußball und passten nicht so recht in Guttmanns Defensivkonzept. Doch auch Gil Vermouth (27, vergangenes Jahr in Kaiserslautern, in der Rückrunde ausgeliehen an den niederländischen Erstligisten De Graafschap), der in der zweiten Halbzeit für Israel stürmen sollte, konnte keine Anbindung finden – was primär an dem sehr weit zurückgezogenen israelischen Mittelfeld lag. Eli Guttmann analysierte treffend: „Ich habe keinen großen Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Hälfte gesehen.“

Aus deutscher Sicht war die israelische Taktik nur unter dem Gesichtpunkt des Ergebnisses – Gomez und Schürrle trafen je einmal – zufriedenstellend.  DFB-Trainer Jogi Löw stellte fest, die israelische Mannschaft habe sein Team „in der Defensive auch nicht allzu sehr gefordert“, und resümierte: „Wir sind heute auf einen sehr defensiven, aufsässigen Gegner getroffen.“

Eli Guttmann irritierte das nicht. Die Umsetzung seines Konzept der „kontrollierten Defensive“ beurteilt der Mann, der im vergangenen Jahr Hapoel Tel Aviv in die UEFA-Champions-League führte, so: „Mit dem zweiten Teil des Konzepts, der Defensive, bin ich sehr zufrieden. Mit dem ersten Teil, der Kontrolle, ist es noch ein weiter Weg.“ In der Tat waren es weniger taktisch-konzeptionelle Fehler, die zu den Gegentoren führten, denn mehr individuelle Schwächen: Zum Teil rutschten Abwehrspieler über den Ball, stellten sich falsch zum Gegner oder verloren – wenn einer der gar nicht so häufigen deutschen Angriffe einmal etwas schneller vorgetragen wurde – die Zuordnung.

Deutschland gegen Israel, Leipzig, 31.5.2012

Wie es mit dem israelischen Fußball international weitergeht, ließ sich am Donnerstagabend in Leipzig mehr als nur erahnen: Eli Guttmann setzt auf junge Spieler, die in europäischen Ligen Erfahrung und Zweikampfhärte lernen und diese via Nationalmannschaft in den israelischen Fußball zurückbringen. So steht hinten die Null und vorne taucht dann vielleicht ein talentierter oder glücklicher Stürmer auf, der für Erfolg sorgen kann.

Seit 1970, der Weltmeisterschaft in Mexiko, hat sich keine israelische Auswahl mehr für ein großes Turnier qualifizieren können. Nun gilt es herauszufinden, ob mit Eli Guttmanns Konzept endlich ein solcher Erfolg möglich ist. Ab September geht es für Israel in der Qualifikation für die nächste Weltmeisterschaft gegen Aserbaidschan, Russland, Portugal, Nordirland und Luxemburg. Zumindest eines der beiden großen Teams Portugal und Russland muss die Guttmann-Elf dann hinter sich lassen. Schwer, aber nicht unmöglich.


Mein erstes Mal im Mommsen

9. Mai 2012

Letzten Freitag war ich erstmals im großartigen Mommsenstadion. Inspiriert von dem Wunsch, mal einige kleinere, nicht so kommerzielle Vereine und Stadien kennenzulernen, motiviert von der großartigen Reportage der netten Kolleg_innen Julia Hoffmann und Markus Ströhlein in der Jungle World und eingeführt in den coolenTeBe-Party-Army-Block von der tollen Stefanie vom genialen Unrund-Blog, muss ich kundtun – es hat sich gelohnt. Wie man mir sagte, gab es an diesem Abend einen Saison-Zuschauerrekord und mit dem 3:1 gegen den SC Staaken entledigte sich TeBe faktisch wohl aller Abstiegssorgen. Außerdem lernte ich noch Ian vom No Dice Magazine und Dietmar kennen. Ein paar Fotoimpressionen finden sich unten.

Am Pfingstmontag geht es dann zu meinem ersten Frauenfußball-Bundesligaspiel im berühmten Karli. Turbine Potsdam empfängt Lokomotive Leipzig und macht hoffentlich die Meisterschaft klar.

 


„Bei Pyro läuft die Fahndung im Nu, doch niemand findet den NSU“

24. April 2012

Die liebe @nick_f95 hatte mich kürzlich über Twitter auf die Idee gebracht, meine Anwesenheit in Düsseldorf mit einem Besuch des ehemaligen Rheinstadions (nach Neubau zuerst LTU-, inzwischen Esprit-Arena genannt, aber who cares?) zu verbinden. Gedacht, getan – zumal meine Lieblings-Zweitligamannschaft  1. FC Union Berlin zu Gast war. Zwar galt auch für mich: „Ich hätte mich gerne gefreut“ – wie die Kolleg_innen vom Textilvergehen ihren neuen, mal wieder vorzüglichen Podcast betitelt haben – über einen Sieg der Eisernen natürlich. Andererseits brauchte die Fortuna die Punkte dringender und auch mir wäre ein Aufsteiger aus Düsseldorf allemal lieber als einer aus Paderborn. Das dachten sich wohl auch „Tusche“ und Co. und stellten nach dem Seitenwechsel das Spiel nach vorn ein, wodurch der 1:2-Pausenrückstand nicht mehr wettzumachen war.

Unioner in Düsseldorf

Unioner in Düsseldorf. (c) André Anchuelo

Anders als die Textilvergeher_innen finde ich aber die Düsseldorfer Arena absolut okay. Von außen sieht sie sicherlich aus wie eine billig hingepappte Messehalle (von solchen ist sie ja auch umgeben), aber der Innenraum macht durchaus Eindruck. Das gilt auch für den Support des Düsseldorfer Anhangs  – von meinem Platz aus konnte ich sowohl Fortunen als auch Unioner hören und das nicht gerade leise. Standesgemäß, weil im eigenen Stadion, machten die Heimfans natürlich mehr Lärm – auf einem Pegel, der durchaus mit dem in der Alten Försterei oder bei Dynamo Dresden vergleichbar war. 33.637 Zuschauer_innen sind in Liga 2 auch nicht gerade alltäglich. Albern, da hat „Textilvergehen“ sicher recht, sind die bunten Sitze, die im Fernsehen leere Ränge als voll erscheinen lassen sollen. Sie stammen allerdings noch aus einer Zeit, als die Fortuna noch von der Rückkehr in die 2. Liga kaum zu träumen wagte und das Stadion tatsächlich meist ziemlich leer war. Immerhin wurde vor einiger Zeit die Forderung der Fans erfüllt, Stehplätze einzurichten. Vielleicht wäre ja für F95 die mögliche Rückkehr ins Oberhaus ein guter Anlass, die Bestuhlung in ein adäquates Rot-Weiß mit Fortuna-Logo zu ändern?!

Noch lieber sähe ich in der 1. Liga natürlich den FC St. Pauli. Wer angesichts der Vorfälle am Rande des Spiels gegen den FC Hansa aus Rostock vom vergangenen Spieltag jetzt gleich schreit, dort gebe es zu viele Chaoten und die wolle man nicht in der Bundesliga haben, sollte sich lieber erstmal intensiver damit beschäftigen, was dort wirklich passiert ist und welche dubiose Rolle die Hamburger Polizei dabei gespielt hat. Die Kolleg_innen von Publikative.org haben das dankenswerterweise getan – einfach mal nachlesen! Im Vorfeld schrieben sie:

Die Hamburger Polizeiführung hat mit ihrem Verbot des Verkaufs von Eintrittskarten an Fans von Hansa Rostock exakt die Situation heraufbeschworen, vor der das Verbot die Öffentlichkeit vermeintlich schützen sollte. Angesichts der vermutlich bevorstehenden Ausschreitungen muss betont werden, wie gefährlich dieser Vorgang für unsere Vorstellung von öffentlichem Raum in einer Demokratie insgesamt ist – jenseits von Fußball und Gewalt. [weiterlesen]

und in der Nachbetrachtung:

Die Hamburger Polizei hat bekommen, was sie angeblich verhindern wollte: Eine Straßenschlacht, jede Menge Aufmerksamkeit in ihrem Sinne durch eine willfährige Lokalpresse und zahlreiche “Argumente”, künftig noch härter durchzugreifen. Wir fragen uns dagegen: Was sollte dieser Polizeieinsatz? [weiterlesen]

Fortuna-Pyro in Dresden

Fortuna-Pyro in Dresden. (c) André Anchuelo

Wenn man sich das alles so ansieht und dann im Gegensatz dazu betrachtet, was im Thüringer Landtag beim Untersuchungsausschuss zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) derzeit so alles ans Licht kommt und was außerdem nicht ans Licht kommt (bzw. kommen soll), erscheint ein Transpi, das ich am Sonntag in der Düsseldorfer Kurve sah, leider so gar nicht an den Haaren herbeigezogen. Die Ultras schrieben drauf:

Bei Pyro läuft die Fahndung im Nu, doch niemand findet den NSU

Christina Büttner von der Opferberatungsstelle „esra“ diagnostizierte im Thüringer Untersuchungsausschuss zum Thema NSU: „Es würde heute nicht anders laufen. Noch hat sich gar nichts geändert.“

Dass dies genauso für Berlin gelten kann, zeigt der polizeiliche Umgang mit tödlichen Schüssen auf Migranten in Neukölln.


„Bedauerliche Einzelfälle“

16. April 2012

Ich habe ja in den letzten Jahren den Aufstieg der Piraten als einer irgendwie linken Partei mit einer gewissen Grundsympathie verfolgt. Doch in den letzten Monaten stellt sich angesichts diverser „Gates“ und einer immer offensichtlicher werdenden inhaltlichen Beliebigkeit, die sich zumeist „postideologisch“ begründet, mehr und mehr die Frage, was man von der Partei halten soll und inwieweit man es überhaupt mit einer auch nur irgendwie linken Partei zu tun hat.

Logo der Piratenpartei Deutschland, Crative Commons: http://wiki.piratenpartei.de/Bild:Logo_3d.svgEin abschließendes Urteil habe ich mir dazu noch nicht gebildet, bin dieser Tage im Web aber auf zwei Funde gestoßen, die ich für höchst beachtenswert halten:

Harald Staun untersucht in der FAZ ziemlich kenntnisreich, das problematische (Nicht-)Verhältnis der Piraten zu Antisemitismus und Rassismus: Relativ rechts. Hat die Piratenpartei ein Problem mit Antisemitismus und Rassismus? Und wenn ja: Kann sie es lösen, ohne normal zu werden?

Zudem gibt es jetzt einen Tumblr, der „bedauerliche Einzelfälle“, wie es ja meist so schön veharmlosend heißt, dokumentiert und damit das Gegenteil beweist: Antisemitische, rassistische, sexistische Vorfälle sind dort eben gerade keine Einzelfälle, sondern Legion: „Da kann man leider nix machen“

Absolute Leseempfehlung für beides!

Hattips: @Elquee und @Kegelklub


Sportbloggerbeitrag des Jahres 2011

5. Januar 2012

Seit heute läuft die dritte Wahl zum Sportbloggerbeitrag des Jahres, gehosted von Fabulous Sankt Pauli. Veranstaltet wird diese schöne Aktion vom Sportbloggernetzwerk.

Unter den elf vorgeschlagenen Beiträgen finden sich lauter tolle Artikel von diversen meiner Lieblingssportblogs. Unter anderem sind Trainer Baade, der Spielbeobachter und das Freitagsspiel dabei. Meine Favoriten unter den nominierten Beiträgen sind aber folgende zwei:

Der im Juni erschienene Text „Der Wutfan“ von Maddin auf dem Blog des Worum kritisiert die Kategorie des „Wutbürgers“, angewendet auf die Subspezies „Fußballfan“. Auch wenn ich mir nicht in allen Details mit Maddin einig bin – er hat dort ein tolles (und für einen Blog recht langes) Stück veröffentlicht.

Der von mir sehr geschätzte Blogger Lizas Welt hat mit dem satirischen Stück „Offensive der Heteros“ Ende Oktober ein leider weiterhin existierendes – und bekämpfenswertes – Problem thematisiert: das der Homophobie im Fußball.

Dazu sei an dieser Stelle auch noch einmal, wenn auch mit gewisser Verspätung, auf die tolle Aktion Libero hingewiesen, bei der sich eine große Anzahl Fußballblogger in unterschiedlichster Form ebenfalls dieses Problems gewidmet haben.

Aktion Libero

Die Wahl zum Sportbloggerbeitrag des Jahres läuft noch bis zum 15. Januar 2012. Das Abstimmungsformular, wie auch Zwischenergebnisse und Links zu allen nominierten Beiträgen finden sich bei Fabulous Sankt Pauli.

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