„Dann sieht’s cool aus“ – Spieler und Funktionäre von Union Berlin über Pyrotechnik

Letzte Woche veröffentlichte ich in der Jungle World einen Abriss über die jüngste Gewaltdebatte im deutschen Fußball. Was mir dabei – teils aufgrund redaktioneller Kürzungen, teils aus Aktualitätsgründen – zu kurz kam, war die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Anlass des Textes, der Kampagne „Pyrotechnik legalisieren! Emotionen respektieren!“ und ihrem vorläufigen Scheitern aufgrund der undurchsichtigen Taktik von DFB und DFL. Inzwischen gibt es dazu einen schönen Überblick des St. Pauli-Fanzines ‚Der Übersteiger‘.

Unionfans ohne Pyros I

Unionfans ohne Pyros I

Unterdessen hat der DFB die Mitglieder seiner mit großem Tamtam gegründeten „Task Force Sicherheit“ benannt und ist mächtig Stolz darauf, dass auch Fanvertreter dabei sind. Das ist erst einmal nicht weiter bemerkenswert, große Hoffnungen auf einen Richtungswechsel an der Otto-Fleck-Schneise sollte man sich deshalb nicht machen. Andernorts wird weiterhin alles in einen Topf geschmissen. In der FAZ fantasierte kürzlich ein Autor gar über den Einsatz von Nacktscannern zur Kontrolle der Fans.

Viel interessanter waren da schon die Äußerungen von Spielern und Verantwortlichen des 1. FC Union Berlin am Rande des 5:2-Auswärtssieges bei Hansa Rostock am 25. November.

Neben seinen Äußerungen zu sportlichen Fragen sagte mir beispielsweise FCU-Kapitän Torsten Mattuschka, als ich ihn auf die bengalischen Feuer der Unioner zu Beginn der zweiten Halbzeit ansprach:

Ich finde das nicht so schlimm, nicht nur, weil es heute unsere Fans waren. Solange keiner verletzt wird und solange keine Feuerwerkskörper auf andere Fans geschossen werden, ist das nicht so wild. Vielleicht kann sich der DFB mal Gedanken machen, das zu legalisieren. Denn wenn es verboten ist, ist es umso interessanter, das zu machen und reinzuschmuggeln. Wenn man es erlaubt, ist es vielleicht gar nicht so schlimm, wie es jetzt ist, wenn es verboten ist.

Ich finde es sieht gut aus, klar stinkt es ein bisschen und es verzögert ein bisschen den Wiederanpfiff, aber das ist halt Fußball. Solange sie sich nicht gegenseitig in die Fresse hauen und sich das selber gegenseitig ins Gesicht schießen, so wie letzte Woche, ist das okay.

Vielleicht kann man darüber mal nachdenken. Dann macht man das einfach, dann sieht’s cool aus. Die Jungs, die das machen, sind sicherlich alt genug und werden hoffentlich aufpassen. Ich denke, wenn es legalisiert wäre, könnte man noch mehr aufpassen, und dann würde vielleicht gar nichts passieren. Es gibt halt mehr Heckmeck, weil es verboten ist.

Soweit der 31-Jährige Regisseur und Publikumsliebling der Eisernen. Bemerkenswert, dass ein bekannter deutscher Profifußballer das Abbrennen von Bengalos, wie in der Vorwoche an gleicher Stelle auch von St. Pauli-Fanis praktiziert, und das Beschießen dieser St. Paulianer durch Rostocker Fans mit Raketen und Leuchtmunition, de facto also einen mehrfachen Mordversuch, nach all den Gleichsetzungen der vergangenen Wochen nicht in einen Topf wirft. Fast noch bemerkenswerter, dass er offen seinen Spaß an der Sache und seine Argumente pro Legalisierung äußerte. Mit beiden Punkten steht Mattuschka zwar nicht allein da, aber es sind sehr wenige, die derart differenzieren, so etwa Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp oder der Manager von Mainz 05, Christian Heidel.

Matuschkas Coach Uwe Neuhaus war zwar nicht gerade glücklich über die Aktion: „Ich hätte mir nach den Vorkommnissen hier letzte Woche ein bisschen mehr Feingefühl gewünscht“,  spielte der Union-Trainer auf die Partie Hansa Rostock gegen FC St. Pauli an. „Das hätte man besser unterlassen sollen.“ Doch auch Neuhaus fand, „dass Pyrotechnik kein Verbrechen ist“.

Unionfans ohne Pyros II

Unionfans ohne Pyros II

Union-Pressesprecher Christian Arbeit richtete sogar einen Appell an den DFB: „Die letzten Monate haben gezeigt, dass das gemeinsame Suchen nach Lösungen im Dialog mit den Fanszenen zu einem Rückgang von Pyro-Aktionen geführt hat. In der Art und Weise, wie die Gespräche dann beendet wurden, hat der DFB kein glückliches Bild abgegeben. Seitdem brennt es jede Woche in den unterschiedlichsten Stadien“, so Arbeit. „Wir halten jedoch eine ehrlich gemeinte Wiederaufnahme der Gespräche zwischen allen Beteiligten für sinnvoll und notwendig.“ Die derzeitigen Probleme könne man nur im Dialog lösen. „Repressionen und Verbote allein sind ungeeignet.“

Wie man es übrigens von Fanseite besser, nämlich grundlegend anders machen kann, als die Rostocker bei dem St. Pauli-Spiel zeigte ebenfalls Union Berlin: Beim Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf, eine Woche vor dem Gastspiel der Köpenicker an der Ostsee, zündete am Ende der Halbzeitpause der Düsseldorfer Anhang Rauchtöpfe in den Vereinsfarben rot-weiß. Nach zunächst zaghaften Pfiffen der Unioner wurde die Aktion, erst recht nachdem Ordner und Polizei den Düsseldorfer Block teilweise stürmten, bejubelt und von „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“- und „Alle Bullen sind Schweine“-Gesängen begleitet.

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