„Dann sieht’s cool aus“ – Spieler und Funktionäre von Union Berlin über Pyrotechnik

29. November 2011

Letzte Woche veröffentlichte ich in der Jungle World einen Abriss über die jüngste Gewaltdebatte im deutschen Fußball. Was mir dabei – teils aufgrund redaktioneller Kürzungen, teils aus Aktualitätsgründen – zu kurz kam, war die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Anlass des Textes, der Kampagne „Pyrotechnik legalisieren! Emotionen respektieren!“ und ihrem vorläufigen Scheitern aufgrund der undurchsichtigen Taktik von DFB und DFL. Inzwischen gibt es dazu einen schönen Überblick des St. Pauli-Fanzines ‚Der Übersteiger‘.

Unionfans ohne Pyros I

Unionfans ohne Pyros I

Unterdessen hat der DFB die Mitglieder seiner mit großem Tamtam gegründeten „Task Force Sicherheit“ benannt und ist mächtig Stolz darauf, dass auch Fanvertreter dabei sind. Das ist erst einmal nicht weiter bemerkenswert, große Hoffnungen auf einen Richtungswechsel an der Otto-Fleck-Schneise sollte man sich deshalb nicht machen. Andernorts wird weiterhin alles in einen Topf geschmissen. In der FAZ fantasierte kürzlich ein Autor gar über den Einsatz von Nacktscannern zur Kontrolle der Fans.

Viel interessanter waren da schon die Äußerungen von Spielern und Verantwortlichen des 1. FC Union Berlin am Rande des 5:2-Auswärtssieges bei Hansa Rostock am 25. November.

Neben seinen Äußerungen zu sportlichen Fragen sagte mir beispielsweise FCU-Kapitän Torsten Mattuschka, als ich ihn auf die bengalischen Feuer der Unioner zu Beginn der zweiten Halbzeit ansprach:

Ich finde das nicht so schlimm, nicht nur, weil es heute unsere Fans waren. Solange keiner verletzt wird und solange keine Feuerwerkskörper auf andere Fans geschossen werden, ist das nicht so wild. Vielleicht kann sich der DFB mal Gedanken machen, das zu legalisieren. Denn wenn es verboten ist, ist es umso interessanter, das zu machen und reinzuschmuggeln. Wenn man es erlaubt, ist es vielleicht gar nicht so schlimm, wie es jetzt ist, wenn es verboten ist.

Ich finde es sieht gut aus, klar stinkt es ein bisschen und es verzögert ein bisschen den Wiederanpfiff, aber das ist halt Fußball. Solange sie sich nicht gegenseitig in die Fresse hauen und sich das selber gegenseitig ins Gesicht schießen, so wie letzte Woche, ist das okay.

Vielleicht kann man darüber mal nachdenken. Dann macht man das einfach, dann sieht’s cool aus. Die Jungs, die das machen, sind sicherlich alt genug und werden hoffentlich aufpassen. Ich denke, wenn es legalisiert wäre, könnte man noch mehr aufpassen, und dann würde vielleicht gar nichts passieren. Es gibt halt mehr Heckmeck, weil es verboten ist.

Soweit der 31-Jährige Regisseur und Publikumsliebling der Eisernen. Bemerkenswert, dass ein bekannter deutscher Profifußballer das Abbrennen von Bengalos, wie in der Vorwoche an gleicher Stelle auch von St. Pauli-Fanis praktiziert, und das Beschießen dieser St. Paulianer durch Rostocker Fans mit Raketen und Leuchtmunition, de facto also einen mehrfachen Mordversuch, nach all den Gleichsetzungen der vergangenen Wochen nicht in einen Topf wirft. Fast noch bemerkenswerter, dass er offen seinen Spaß an der Sache und seine Argumente pro Legalisierung äußerte. Mit beiden Punkten steht Mattuschka zwar nicht allein da, aber es sind sehr wenige, die derart differenzieren, so etwa Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp oder der Manager von Mainz 05, Christian Heidel.

Matuschkas Coach Uwe Neuhaus war zwar nicht gerade glücklich über die Aktion: „Ich hätte mir nach den Vorkommnissen hier letzte Woche ein bisschen mehr Feingefühl gewünscht“,  spielte der Union-Trainer auf die Partie Hansa Rostock gegen FC St. Pauli an. „Das hätte man besser unterlassen sollen.“ Doch auch Neuhaus fand, „dass Pyrotechnik kein Verbrechen ist“.

Unionfans ohne Pyros II

Unionfans ohne Pyros II

Union-Pressesprecher Christian Arbeit richtete sogar einen Appell an den DFB: „Die letzten Monate haben gezeigt, dass das gemeinsame Suchen nach Lösungen im Dialog mit den Fanszenen zu einem Rückgang von Pyro-Aktionen geführt hat. In der Art und Weise, wie die Gespräche dann beendet wurden, hat der DFB kein glückliches Bild abgegeben. Seitdem brennt es jede Woche in den unterschiedlichsten Stadien“, so Arbeit. „Wir halten jedoch eine ehrlich gemeinte Wiederaufnahme der Gespräche zwischen allen Beteiligten für sinnvoll und notwendig.“ Die derzeitigen Probleme könne man nur im Dialog lösen. „Repressionen und Verbote allein sind ungeeignet.“

Wie man es übrigens von Fanseite besser, nämlich grundlegend anders machen kann, als die Rostocker bei dem St. Pauli-Spiel zeigte ebenfalls Union Berlin: Beim Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf, eine Woche vor dem Gastspiel der Köpenicker an der Ostsee, zündete am Ende der Halbzeitpause der Düsseldorfer Anhang Rauchtöpfe in den Vereinsfarben rot-weiß. Nach zunächst zaghaften Pfiffen der Unioner wurde die Aktion, erst recht nachdem Ordner und Polizei den Düsseldorfer Block teilweise stürmten, bejubelt und von „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“- und „Alle Bullen sind Schweine“-Gesängen begleitet.

Advertisements

Ein neuer Israeli in der Bundesliga

3. August 2011

Am vergangenen Sonnabend beim DFB-Pokalspiel zwischen Dynamo Berlin und dem 1. FC Kaiserslautern (0:3) im Berliner Jahnsportpark trieben nicht nur mal wieder die berüchtigten BFC-Hools ihr Unwesen. Ich durfte auch Lauterns neuen Stürmer Itay Shechter genauer unter die Lupe nehmen. Der Israeli war europaweit bekannt geworden, als er sich vergangene Saison in einem Champions-League-Quali-Spiel eine Kippa aufsetzte und dafür zu Unrecht die Gelbe Karte sah, nachdem er ein Tor erzielt hatte.

Shechter wechselte aus der israelischen Ligat Ha'al in die BundesligaOb Shechter, der neben seinem Teamkameraden Gil Vermouth und Nürnbergs Almog Cohen einer von derzeit drei Israelis in der Bundesliga ist, seinen Vorgänger, 16-Tore-Mann Srdjan Lakic, vergessen machen kann? Ich bin mir noch nicht sicher. Shechter erinnert mich ein wenig an Schalkes Brasilianer Edu – schnell, kampfstark, aber nicht wirklich ein Knipser. Weitere Infos zur sportlichen Einschätzung Shechters finden sich in meinem Beitrag über den Angreifer auf bundesliga.de.


Zwei-Parteien-Lösung vor dem Durchbruch: Die Linkspartei und der Antisemitismus

28. Juli 2011

Heute ist die neue Ausgabe der Wochenzeitung Jungle World mit einem Schwerpunktthema zur Partei „Die Linke“ und dem Streit um antisemitischen Antizionismus erschienen. Unter anderem finden sich auf den sieben Seiten mein Leitartikel über den Zustand der Linkspartei im Angesicht der Antisemitismusdebatte und die gekürzte Fassung eines Interviews, das ich mit Benjamin Krüger geführt habe. Lesen hier das ganze Interview mit dem Mitbegründer des BAK Shalom.

Die Linkspartei und der AntisemitismusAußerdem finden sich in dem Jungle-Spezial folgende Beiträge:

„Da war viel Scham aber auch Erkenntnis“ – Petra Pau, die Vizepräsidentin des deutschen Bundestages erklärt in einem großen Interview, wie sie sich als ehemalige DDR-Bürgerin und SED-Funktionärin nach der Wende den Themen Israel und Judentum genähert hat, und wieso sie das „eindimensionale Antifaschismusbild“ ihrer Partei falsch findet.

Fast unisono hieß es aus der Linkspartei, die viel beachtete Studie »Antisemiten als Koalitionspartner?« sei „unwissenschaftlich“. Der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn, einer der beiden Autoren, antwortet in der Jungle World auf die Kritik.

Der Kreisvorsitzender der Linkspartei in Bonn, Holger Schmidt, betont im Interview, dass der Vorstand seines Kreisverbandes jede Form des Antizionismus ablehnt, und dass eine Grundsolidarität mit Israel „Teil einer aufgeklärten, linken Position“ sein sollte.

On the Boat again. Die Beschlüsse der Linksfraktion zur zweiten Gaza-Soli-Flotte und wie die Partei darauf reagiert hat, analysiert Alex Feuerherdt.

Was genau ist eigentlich der BAK Shalom und wie ist sein Wirken zu bewerten. Eine Auswertung und ein persönlicher Erfahrungsbericht von Sebastian Voigt, einer der Gründer des Arbeitskreises und Mitautor der Studie »Antisemiten als Koalitionspartner?«

Sie finden den Antizionismus der Linkspartei besonders schlimm? Dann kennen Sie die anderen Linksparteien in Europa nicht! Eine Gegenüberstellung von Thorsten Mense.


„Da existiert eine Israel-Obsession“ – Interview mit Benjamin Krüger

28. Juli 2011

Benjamin Krüger ist Mitbegründer des Bundearbeitskreises (BAK) Shalom und war bis zur Abschaffung dieses Postens 2009 dessen Bundessprecher. Der 28-Jährige ist studierter Sozialpädagoge, arbeitet als Büroleiter des Bundestagsabgeordneten Frank Tempel (Linkspartei) und lebt in Berlin-Neukölln. André Anchuelo sprach mit ihm über den Antisemitismusstreit in der Partei „Die Linke“ und die Rolle des BAK Shalom in dieser Auseinandersetzung.

[In einer leicht gekürzten Fassung erschienen in der Jungle World Nr. 30/2011]

Wie und mit welcher Absicht kam es zur Gründung des BAK Shalom?

Der BAK Shalom wurde im Mai 2007 gegründet. Organisiert sind wir als Bundesarbeitskreis von „Linksjugend [’solid]“, dem Jugendverband der Partei „Die Linke“, und haben bundesweit etwa 140 Mitglieder. Anlass für die Gründung waren bestimmte Tendenzen in der Partei im Rahmen der Fusion von PDS und WASG. Die heutige Bundestagsabgeordnete Christine Buchholz schrieb damals z.B., dass man sich mit der Hisbollah solidarisieren müsse. An solchen Punkten haben wir gemerkt, dass es sinnvoll wäre, einen Bundesarbeitskreis zu gründen, der sich gegen Antisemitismus und Antizionismus, aber auch gegen Antiamerikanismus und regressiven Antikapitalismus einsetzt. Gerade was das Thema regressiver Antikapitalismus angeht, haben wir gemerkt, dass da teilweise Reflexe vorhanden sind, die wir nicht teilen. Auch der AntiamerikaniLinksjugend-Solidsmus während der damaligen Bush-Administration war wesentlich ausgeprägter als heute. Zum Teil gab es auch populistische Zuspitzungen der Parteiführung, z.B. die „Fremdarbeiter“-Äußerungen von Oskar Lafontaine, oder die geplante Iranreise Lafontaines, die dann wegen Ahmadinedschads Holocaustleugner-Konferenz abgesagt wurde. Da haben wir uns gefragt: Warum muss man Ahmadinedschad besuchen? Oder Norman Paech, der damals im Bundestag die palästinensischen Raketen auf Israel als „Neujahrsraketen“ verharmloste. Das alles brachte uns zu der Feststellung: Es ist Zeit, etwas zu tun.

Wie waren die Reaktionen in der Partei auf Ihre Inhalte? Gab es Anfeindungen?

Anfeindungen gab es natürlich von Anfang an. Die Reaktionen auf unsere Standpunkte waren von Beginn an sehr polarisiert. Von Anfang an kam es auch zu einer Dämonisierung. Zum Beispiel hat die junge Welt, die ja für viele in und um die Partei durchaus ein Leitmedium ist, uns von Anfang an unzutreffende Dinge unterstellt. Zum Beispiel, dass wir die israelische Siedlungspolitik unterstützen würden – was aber z.B. auch Gregor Gysi kürzlich behauptet hat. Wir wurden als „rechte Kriegstreiber“ bezeichnet, wir würden „Kriegspositionen“ einnehmen, wir würden Nato-Bombardements gutheißen. Ich sage den Leuten dann immer, zeigt mir doch, wo wir eine „kriegstreiberische Haltung“ einnehmen, wo steht, dass wir die israelische Siedlungspolitik unterstützen. Denn das steht nirgends, das haben wir auch nie gesagt und würden wir auch nie sagen. Aber wenn so etwas einmal in der Welt ist, ist es schwer, dagegen zu agieren. Zumindest Gysi hat aber nachträglich zur Kenntniss genommen, dass diese Vorwürfe gegenüber uns nicht stimmen.

Denken Sie nicht manchmal, dass Sie angesichts solcher Reaktionen in der falschen Partei sind?

Das habe ich nie gedacht, weil es bei uns auch immer wieder Leute gab, die uns unterstützen. Manche tun das offen und andere nicht. Ich merke auch, dass bei unseren ostdeutschen Genossen eine hohe Bereitschaft vorhanden ist, die anti-israelische Politik der DDR in Frage zu stellen. Aggressive Reflexe spüre ich meist eher bei der West-Linken. Das hat auch geschichtliche Hintergründe, wie etwa die westdeutschen K-Gruppen und deren Abwehrhaltung sowie Einigelung angesichts des westdeutschen Antikommunismus. Das kann ich alles nachvollziehen, glaube aber trotzdem nicht, dass es gut ist.

Sebastian Voigt, Mit-Autor des Aufsatzes „Antisemiten als Koalitionspartner?“, der ja die jüngste Runde der Antisemitismusdebatte mitanstieß, ist einer der Mitbegründer des BAK Shalom. Inwieweit teilt der BAK die prononcierten Positionen dieser Untersuchung?

Auch wenn Kritiker sich oft daran aufhängen, dass der Text keine Studie sei, hat doch das, was drinsteht, Hand und Fuß. Da wurden jedenfalls keine falschen Behauptungen aufgestellt. In der Analyse würde ich vielleicht nicht alles teilen. Ich denke nicht, dass wir es mit einem Konflikt zwischen Regierungswilligen und Nicht-Regierungwilligen zu tun haben, so wie es in dem Aufsatz dargestellt wurde. Ansonsten stehen in dem Text Informationen, die seit Jahren auch auf der Website des BAK Shalom zu finden sind. Auch wenn die Untersuchung keinen neuen empirischen Belege bringt – sie sind dort kompirimiert versammelt. Das war für die Presse offenbar interessant genug, die Sache so zu pushen.

Wo beginnt für Sie Antisemitismus?

Antisemitismus geht da los, wenn etwa Hermann Dierkes – Vorsitzender der Linksfraktion im Duisburger Stadtrat – sagt, dass die Mittel und Methoden gegen die Palästinenser „verdammt nah dran sind an dem, was die Nazis in den dreißiger Jahren getrieben haben“ Das ist für mich eine ganz klare antisemitische Äußerung. Meiner Meinung nach hat Dierkes mittlerweile jeglichen parteiinternen Meinungspluralismus verlassen. Es läuft inzwischen ein Ausschlussantrag gegen ihn aus seinem eigenen Kreisverband, den ich im Anliegen richtig finde [inzwischen wurde aus dem Linken-Landesverband NRW bekannt, dass es kein Verfahren gegen Dierkes geben wird; A.A.]. Bei anderen wird man da ebenso genau hinschauen – NS-Vergleiche sind keine gemeinsame Grundlage. Bei den Bundestagsabgeordneten Annette Groth und Inge Höger sehe ich – wenn man nicht nur die berüchtigten Schals betrachtet, sondern auch deren Reden liest – eine extrem einseitige Positionierung die teilweise antisemitische Ressentiments bedient. Aber auch im BAK Shalom sind wir unterschiedlichster Meinung, wie man deren Auftreten konkret bewerten soll – ob es Antisemitismus bedient, ob es Antisemitismus ist oder lediglich extrem einseitige Kritik darstellt.

Sehen Sie es als Erfolg der Arbeit des BAK Shalom, dass jetzt ein Bekenntnis zum Existenzecht Israels im neuen Programmentwurf der Linkspartei steht?

Es ist mit Sicherheit kein ausschließlicher Erfolg des BAK Shalom. Es ist ein Erfolg verschiedener Akteure. Der Grund dafür liegt in der Zuspitzung der Debatte in den letzten Wochen. Ich persönlich hätte vor der Debatte der letzten 3-4 Monate nicht gedacht, dass wir das so schnell in diesen Programmentwurf mit reinbekommen. Mit Sicherheit haben wir aber dafür gesorgt, dass das Thema durch unsere ständigen Problematisierungen von den Verantwortlichen in der Partei jetzt so angegangen wurde. Leider wurde das Problem zuvor jahrelang gedeckelt.

Sie sagen, das sei „schnell“ gewesen. Kommt ein solches Bekenntnis für die Linke bzw. die PDS nicht ungefähr 20 Jahre zu spät?

Natürlich hätte man das Existenzrecht Israels und die Zwei-Staaten-Lösung auch schon Anfang der 90er Jahre ins Parteiprogramm aufnehmen können ich finde es aber auch nicht weiter schlimm das dies erst jetzt geschieht.. Ich denke aber – das ist keine Entschuldigung dafür – dass man damals auch einfach andere Sachen zu tun hatte: Man musste sich damals zunächst als PDS stabilisieren. Außenpolitisch ist es ohnehin belanglos, ob die Partei „Die Linke“ das in ihr Programm schreibt oder nicht. Aber für die innerparteiliche Auseinandersetzung ist es zum jetzigen Zeitpunkt wichtig, denn es ist auch ein Zeichen, dass man sich damit auseinandergesetzt hat. Man hat damit auch gewisse Handlungsspielräume, so dass man sagen kann: In unser Partei ist das so und wenn Du das in extremer Weise anders siehst, dann musst Du leider die Partei verlassen.

Eine Inge Höger oder eine Annette Groth hatten offenbar genug Zeit, sich ständig mit der Thematik zu beschäftigen?

Ja, aber die beschäftigen sich ja deswegen auch nicht mit anderen Themen – das ist ja auch unsere Kritik. Sie sind ja nicht Beauftragte für Israel, sondern abrüstungspolitische- (Höger) bzw menschenrechtspolitische (Groth) Sprecherinnen und da gibt es schon ein bisschen mehr als immer nur Israel. Die Frage ist, warum man sich die ganze Zeit mit Israel beschäftigt. Da existiert bei beiden teilweise eine Obsession, die wir nicht nachvollziehen können.

Nach Einschätzung von Dieter Graumann, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, wird der Streit immer wieder aufbrechen, denn, so Graumann, in „der Linkspartei ist etwas zusammen, das nicht zusammengehört“. War die Vereinigung von PDS und WASG ein Fehler und müssten beide Seiten sich nicht wieder voneinander trennen?

Nein, das würde ich ganz klar verneinen. Ein Fehler war es nicht. Wir brauchen neben der Sozialdemokratie in Deutschland eine starke linke Kraft, wie sie in vielen anderen europäischen Ländern Normalität ist. Die Geschichte zeigt, gerade die jüngste seit 1990, dass ohne ein linkes Korrektiv die SPD dieselben Fehler immer wieder macht – Stichwort Agenda 2010. Deswegen war die Vereinigung absolut kein Fehler. Die Vereinigung rückgängig zu machen, würde uns in die politische Bedeutungslosigkeit versetzen. Die Kritik, die Herr Graumann hat, ist allerdings durchaus wichtig und berechtigt. Wenn der Zentralrat der Juden sagt, die Linkspartei habe ein Antisemitismusproblem, dann muss man das als demokratische Partei auch ernst nehmen. Das ist nichts, was man einfach vom Tisch wischen kann oder als parteipolitische Einmischung, die ihn nichts anginge.

Benjamin Krüger: http://www.benjamin-krueger.net/

BAK Shalom: http://bak-shalom.de/


Meine Ostfußball-Premiere

20. Juli 2011

EinigEnergie Cottbuse haben es schon mitbekommen: Seit Beginn dieser Saison bin ich als Zweitliga-Reporter für Bundesliga.de unterwegs. Was bei meinem ersten Einsatz, der Partie FC Energie Cottbus gegen Dynamo Dresden, Dynamo Dresdenherausgekommen ist, können Freund_innen des gepflegten Zweitligafußballs auf Bundesliga.de nachlesen:

Für die politisch Korrekten: Die „Sturm-Abteilung“ wurde mir reinredigiert… Für die Freund_innen der dritten Halbzeit: Trotz Einstufung als „Hochrisikospiel“ blieb alles friedlich, nicht einmal ‚Pyros‘ gab es im Stadion der Freundschaft. Ich kam zeitgleich mit dem Dynamo-Mannschaftsbus an und muss angesichts des Empfangs durch die FCE-Fans sagen: Da haben beispielsweise die Spieler von Eintracht Frankfurt vergangene Saison Schlimmeres von ihren eigenen Fans zu hören bekommen…

Nächste Woche geht es dann weiter mit meiner Premiere im Stadion an der Alten Försterei (Union Berlin vs. Greuther Fürth) sowie dem nächsten Duell zweier Teams aus der ehemaligen DDR (Aufsteiger Dynamo Dresden empfängt Mitaufsteiger Hansa Rostock) – in einem Fußballstadion mit dem unglaublich geschickt gewählten Namen „Glücksgas-Stadion“.

Stadion der Freundschaft

Der Wellblechpalast erstrahlt im Derbyglanz. Foto: André Anchuelo (c)


Fremde Federn: Die Linke und der Antisemitismus – Diskussion in der Neuen Synagoge

4. Juli 2011

Matthias Meisner schreibt im heutigen Tagesspiegel über eine Diskussionsveranstaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin über die Linkspartei und den Antisemtismus:

„In der Neuen Synagoge diskutieren Politiker der Linkspartei und Wissenschaftler über den Antisemitismus in der Linken. Vor allem Fraktionschef Gregor Gysi kommt dabei nicht gut weg.“ Weiter …

Podium in der Neuen Synagoge

Die Diskutanten bei der Podiumsdiskussion "Diffamierung oder berechtigte Kritik? Die Linke und der Antisemitismus" am 3.7.2011 in der Neuen Synagoge - von links nach rechts: Gunnar Schupelius (Focus), Maya Zehden (Jüdische Gemeinde zu Berlin), Stefan Liebich (MdB, Linkspartei), Sebastian Voigt (Historiker). Foto: André Anchuelo



Kampf gegen Inflation – Die Debatte über Antisemitismus in der Linkspartei

30. Juni 2011

Gregor Gysi erklärt die Diskussion über Antisemitismus in der Linkspartei für beendet, während Klaus Ernst dem Präsidenten des Zentralrats der Juden »Diffamierung« vorwirft und Annette Groth weiter an der »Befreiung« des Gaza-Streifens arbeitet.

Wenn er sich da mal nicht täuscht: »Ich glaube, das Thema ist beendet«, sagte Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Bundestag, am Wochenende einer Reporterin des ZDF-Magazins »Berlin direkt«. Sie hatte ihn nach dem »Antisemitismusproblem« in seiner Partei gefragt. Gysis Behauptung, dass ein solches Problem gar nicht existiere, lässt sich bestenfalls als Wunschdenken bezeichnen. Hieß es in der untergegangenen DDR, man sei »antifaschistisch« und könne schon deswegen nicht antisemitisch sein, behauptete Gysi im ZDF-Interview das gleiche von der Nachfolgeorganisation der ehemaligen DDR-Staatspartei: »Wir sind eine in jeder Hinsicht antifaschistische Partei. Also, Antisemitismus ist nicht unser Problem.«

Derweil warb seine Fraktionskollegin Annette Groth am Samstag in Nürnberg erneut medienwirksam für die geplante zweite »Gaza-Flottille«. An der ersten hatte sie im vorigen Jahr mit zwei anderen Abgeordneten der »Linken« teilgenommen. Dabei hatte die Linksfraktion in ihrem am 7. Juni gefassten Beschluss zum Thema (siehe Jungle World 24/2011) unter anderem erklärt, man werde sich nicht an der »diesjährigen Fahrt einer ›Gaza-Flottille‹ beteiligen« und erwarte auch von den »persönlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Fraktionsmitarbeiterinnen und Fraktionsmitarbeitern, sich für diese Positionen einzusetzen«. Doch wieso sollten sich Partei "Die Linke" und der AntisemitismusAngestellte der Fraktion für Positionen einsetzen, die schon von Abgeordneten torpediert werden?

Wie zuletzt Gysi im ZDF jegliches Antisemitismusproblem in der Linkspartei von sich wies, so hatte schon der umstrittene Fraktionsbeschluss versäumt, die Dinge beim Namen zu nennen. Zwar wurden abstrakt »Rechtsextremismus und Antisemitismus« verurteilt. Im konkreten Teil der Erklärung kündigte die Linksfraktion zwar an, sich Forderungen nach einer »Ein-Staaten-Lösung für Palästina und Israel« und »Boykottaufrufen gegen israelische Produkte« zu enthalten und sich nicht an der Neuauflage der »Gaza-Flottille« zu beteiligen. Vom antisemitischen Gehalt solcher Bestrebungen war jedoch nicht die Rede. So suggeriert der Text, dass Antisemitismus nur bei Rechtsextremisten vorkomme. Obwohl die Fraktion ihren Beschluss »Entschieden gegen Antisemitismus« betitelte, scheint es der »Linken« unmöglich, bei diesem Thema »Entschiedenheit« aufzubringen.

Die jüngste Debatte ins Rollen gebracht hatte ein offiziell noch nicht veröffentlichter Aufsatz der beiden Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn und Sebastian Voigt von 16 Seiten Länge unter dem Titel »Antisemiten als Koalitionspartner?«. Dass der Aufsatz, der Mitte Mai in einer Vorabversion von der Frankfurter Rundschau publik gemacht worden war, in den Medien als »Studie« bezeichnet wurde, erleichterte nur das Geschäft seiner Kritiker. Zwar kann eine qualitative Studie einen durchaus geringen Umfang haben, doch eine umfassende Untersuchung des Antisemitismus in der Linkspartei stellt der Text sicher noch nicht dar.

Ein Verdienst des Aufsatzes ist neben der Auflistung antisemitischer Vorfälle innerhalb der Linkspartei vor allem, sich um eine Begriffsklärung zu bemühen. So verweisen die Autoren auf die EU-Arbeitsdefinition des Antisemitismus, wonach dieser sich unter anderem im »Abstreiten des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung« und durch die »Anwendung doppelter Standards« auf Israel im Gegensatz zu anderen Staaten äußert. Mit genau diesen Tatbeständen hat man es aber bei den im Beschluss der Linksfraktion aufgeführten Punkten – Ein-Staaten-Lösung, Israel-Boykott und Gaza-Flottille – zu tun. Trotzdem schwadronierte Gysi in einem Interview mit dem Neuen Deutschland von einer »inflationären Verwendung des Begriffs Antisemitismus« – wogegen sich die Fraktion in einem zweiten Beschluss wenden werde.

Schon für den ersten Beschluss hatte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, deutliche Worte gefunden. Seinen Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung resümierte Graumann mit den Worten: Der »große Befreiungsschlag ist einstweilen spektakulär missglückt. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal.« Doch das »nächste Mal« will Gysi in der Fraktion den Begriff Antisemitismus offenbar endgültig zum Tabuwort erklären lassen. Währenddessen erregte der Parteivorsitzende Klaus Ernst mit einem neuen Ausfall Aufmerksamkeit. Graumann schade seinem Anliegen, »wenn er den Antisemitismusvorwurf inflationiert«. Statt »Diffamierung« zu betreiben, rate er Graumann, »die Niederungen der Parteipolitik schnell wieder zu verlassen«. Mit anderen Worten: Die Juden sind am Antisemitismus selber schuld und sollten ihn lieber der Linkspartei überlassen. Das erinnert frappierend an die Ausfälle von Jürgen W. Möllemann (FDP) gegen Ariel Sharon und Michel Friedman.

Das Stichwort Möllemann sollte einen daran erinnern, dass auch die anderen im Bundestag vertretenen Parteien im Zweifel eher aus Imagegründen denn aus Überzeugung »klare Kante« (Klaus Ernst) gegen Antisemitismus zeigen. Martin Hohmann, der gesagt hatte, man könnte die Juden als »Tätervolk« bezeichnen, wurde von der CDU 2003 aus der Fraktion und der Partei ausgeschlossen, allerdings erst nach mehreren Wochen öffentlicher Debatte. Möllemann trat nach Monaten aus der FDP aus, um einem Parteiausschlussverfahren zu entgehen. Der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin kam trotz seiner rassistischen Auslassungen und seiner Spekulationen über ein »Juden-Gen« um einen Parteiausschluss herum. Stattdessen fühlte sich der Gründer des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokraten, Sergey Lagodinsky, zum Austritt aus der SPD genötigt. Bei der »Linken« scheint die Schwelle allerdings besonders hoch zu liegen: »Was muss denn passieren, ehe man bei Ihnen rausfliegt?« brachte es ein Journalist des Deutschlandradios in einem Interview mit dem Linkspartei-Bundestagsabgeordneten Stefan Liebich auf den Punkt.

Vielleicht nicht das Schlechteste an der Affäre ist, dass innerhalb der Linkspartei tatsächlich eine Debatte über die Problematik in Gang zu kommen scheint. Aufschlussreich ist ein im Neuen Deutschland abgedrucktes Gespräch zwischen Gregor Gysi und Andrej Hermlin – beide aus jüdischen Familien stammend und Mitglieder der »Linken«. Doch nicht so sehr die Äußerungen des Politikers geben einen tiefen Einblick in die Vorgänge innerhalb der Partei, sondern vielmehr die Einsichten des Musikers Hermlin. Während Gysi wie in der Linkspartei auch in der untergegangenen DDR keinen Antisemitismus entdecken mag (»Du hast von Antisemitismus in der DDR gesprochen. Ich habe das immer als Intellektuellenfeindlichkeit wahrgenommen«), konstatiert Hermlin: »Wir tun so, als wäre der Antisemitismus ein Problem einiger weniger Unbelehrbarer. Aber es ist eine Frage der Definition. Wenn ich sage, Antisemiten sind diejenigen, die die Juden ins KZ schicken wollen, dann sind das relativ wenige. Wenn ich aber sage, Antisemiten sind diejenigen, die Vorurteile verbreiten, dann sind es sehr viele.« Und Hermlin lässt die bemerkenswerte Einsicht folgen: »Was sich in den letzten Wochen in der Linken abgespielt hat, der ich immer noch angehöre, ist widerlich. Seit Jahren sind wir Diskussionen aus dem Wege gegangen.«

Dass der Sohn des bekannten DDR-Schriftstellers Stephan Hermlin große Duldsamkeit an den Tag legen muss, um es bis heute in der Linkspartei auszuhalten, zeigt sich an einer Begebenheit, die bereits zwei Jahrzehnte zurückliegt: »Anfang der neunziger Jahre (…) kam der stellvertretende Parteichef der damaligen PDS in Berlin zu mir und sagte: ›Weißt du, Andrej, das Schlimmste, was den Juden in 2000 Jahren Geschichte widerfahren ist, ist die Gründung ihres Staates Israel.‹« Hermlin war entsetzt: »Nicht die Shoah, nein, Israel, das war das Schlimmste!« In der Tat hat die Linkspartei noch eine Menge eigenen Antisemitismus aufzudecken, aufzuarbeiten und zu bekämpfen. Sie müsste das aber erst einmal wollen, statt die »Inflationierung des Antisemitismusbegriffs« zu beklagen.

Kommentieren (wird erst nach Freischaltung veröffentlicht):


%d Bloggern gefällt das: