„Ein defensiver, aufsässiger Gegner“

5. Juni 2012

Israels Nationalteam präsentierte sich beim 0:2 gegen Deutschland als Elf mit zukunftsfähigem Konzept. Nur der Weg zur Weltspitze ist noch lang. Eine Analyse zur Situation der israelischen Nationalmannschaft von Martin Krauß und André Anchuelo

Eli Guttmann ist ein freundlicher Mensch. Sogar dann noch, wenn der israelische Nationaltrainer unbeobachtet ist und in der Halbzeitpause zu seiner Mannschaft spricht. „Ich habe meinen Spielern gesagt, sie sollten fair spielen, weil die deutsche Elf zur Europameisterschaft fährt, und sie soll unverletzt fahren.“ So nett war Eli Guttmann am Donnerstagabend in den Katakomben des Leipziger Zentralstadions, als seine Elf mit 0:2 (0:1) gegen Deutschland verlor.

Deutschland gegen Israel, Leipzig, 31.5.2012

Was für Guttmanns Kollegen Jogi Löw der letzte Test vor dem eine Woche später beginnenden EM-Turnier in Polen und der Ukraine war, bedeutete für den 54-jährigen Israeli den Auftakt zu dem langen Projekt: Die israelische Nationalmannschaft, derzeit nur auf Platz 58 der FIFA-Weltrangliste, an die europäischen Spitzenteams heranzuführen.

Der Weg dorthin begann in Leipzig hinten, und zwar ziemlich konsequent: „Kontrollierte Defensive“ nennt Guttmann das Spiel seiner Elf. Vor Torwart Ariel Harush von Betar Jerusalem agierte in der Startformation eine gut aufgestellte Viererkette  aus Bibras Natcho, Eitan Tibi, Tal Ben Haim und Yuval Shpungin.

Deutschland gegen Israel, Leipzig, 31.5.2012

In dieser Kombination steckt das ganze Guttmannsche Konzept: Es sind, bis auf den erfahrenen Ben Haim (30 Jahre alt) alles sehr junge Spieler: 24 und 25 Jahre alt. Und es sind, bis auf Tibi vom israelischen Überraschungsmeister Hapoel Kirjat Schmona alles Spieler, die ihr Geld in ausländischen Ligen verdienen – beim russischen Erstligisten Rubin Kazan (Natcho), beim früheren englischen Premier-League-Club Portsmouth FC (Ben Haim) oder auch bei beim zyprischen Vizemeister Omonia Nikosia (Shpungin).

Die israelische Elf präsentierte sich gegen den Weltranglisten-Zweiten – wie schon am Samstag zuvor gegen Tschechien (1:2) – mit einer sehr defensiven Grundordnung. Vor der Viererkette stand eine gleichfalls defensiv aufgestellte Vierer-Mittelfeldreihe, darunter mit Avichay Yadin (26, Hapoel Tel Aviv) einer, der als rein defensiver Mittelfeldspieler unmittelbar vor der Abwehr postiert war – in der modernen Fußballsprache ein klassischer „Sechser“.

„Es war klar, dass die deutsche Mannschaft das Spiel dominieren würde“, verteidigte Guttmann seine sehr defensive Ausrichtung. Vorne, also in dem, was in etwas offensiveren Mannschaften schon mal Sturmzentrum genannt wird, hatte sich anfangs nur Itay Schechter (25, noch beim 1. FC Kaiserslautern unter Vertrag) eingefunden. Kapitän Yossi Benayoun (32, FC Arsenal) löste sich mit Maor Melikson (27, Wisla Krakow) als Flügelstürmer ab, zumeist verstärkten die beiden Offensivleute aber das Defensivbollwerk des israelischen Teams.

Deutschland gegen Israel, Leipzig, 31.5.2012

Nach 45 Minuten wurde allerdings das gesamte Trio ausgewechselt. Alle drei Spieler stehen für einen schnelleren und offensiveren Fußball und passten nicht so recht in Guttmanns Defensivkonzept. Doch auch Gil Vermouth (27, vergangenes Jahr in Kaiserslautern, in der Rückrunde ausgeliehen an den niederländischen Erstligisten De Graafschap), der in der zweiten Halbzeit für Israel stürmen sollte, konnte keine Anbindung finden – was primär an dem sehr weit zurückgezogenen israelischen Mittelfeld lag. Eli Guttmann analysierte treffend: „Ich habe keinen großen Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Hälfte gesehen.“

Aus deutscher Sicht war die israelische Taktik nur unter dem Gesichtpunkt des Ergebnisses – Gomez und Schürrle trafen je einmal – zufriedenstellend.  DFB-Trainer Jogi Löw stellte fest, die israelische Mannschaft habe sein Team „in der Defensive auch nicht allzu sehr gefordert“, und resümierte: „Wir sind heute auf einen sehr defensiven, aufsässigen Gegner getroffen.“

Eli Guttmann irritierte das nicht. Die Umsetzung seines Konzept der „kontrollierten Defensive“ beurteilt der Mann, der im vergangenen Jahr Hapoel Tel Aviv in die UEFA-Champions-League führte, so: „Mit dem zweiten Teil des Konzepts, der Defensive, bin ich sehr zufrieden. Mit dem ersten Teil, der Kontrolle, ist es noch ein weiter Weg.“ In der Tat waren es weniger taktisch-konzeptionelle Fehler, die zu den Gegentoren führten, denn mehr individuelle Schwächen: Zum Teil rutschten Abwehrspieler über den Ball, stellten sich falsch zum Gegner oder verloren – wenn einer der gar nicht so häufigen deutschen Angriffe einmal etwas schneller vorgetragen wurde – die Zuordnung.

Deutschland gegen Israel, Leipzig, 31.5.2012

Wie es mit dem israelischen Fußball international weitergeht, ließ sich am Donnerstagabend in Leipzig mehr als nur erahnen: Eli Guttmann setzt auf junge Spieler, die in europäischen Ligen Erfahrung und Zweikampfhärte lernen und diese via Nationalmannschaft in den israelischen Fußball zurückbringen. So steht hinten die Null und vorne taucht dann vielleicht ein talentierter oder glücklicher Stürmer auf, der für Erfolg sorgen kann.

Seit 1970, der Weltmeisterschaft in Mexiko, hat sich keine israelische Auswahl mehr für ein großes Turnier qualifizieren können. Nun gilt es herauszufinden, ob mit Eli Guttmanns Konzept endlich ein solcher Erfolg möglich ist. Ab September geht es für Israel in der Qualifikation für die nächste Weltmeisterschaft gegen Aserbaidschan, Russland, Portugal, Nordirland und Luxemburg. Zumindest eines der beiden großen Teams Portugal und Russland muss die Guttmann-Elf dann hinter sich lassen. Schwer, aber nicht unmöglich.

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Ein neuer Israeli in der Bundesliga

3. August 2011

Am vergangenen Sonnabend beim DFB-Pokalspiel zwischen Dynamo Berlin und dem 1. FC Kaiserslautern (0:3) im Berliner Jahnsportpark trieben nicht nur mal wieder die berüchtigten BFC-Hools ihr Unwesen. Ich durfte auch Lauterns neuen Stürmer Itay Shechter genauer unter die Lupe nehmen. Der Israeli war europaweit bekannt geworden, als er sich vergangene Saison in einem Champions-League-Quali-Spiel eine Kippa aufsetzte und dafür zu Unrecht die Gelbe Karte sah, nachdem er ein Tor erzielt hatte.

Shechter wechselte aus der israelischen Ligat Ha'al in die BundesligaOb Shechter, der neben seinem Teamkameraden Gil Vermouth und Nürnbergs Almog Cohen einer von derzeit drei Israelis in der Bundesliga ist, seinen Vorgänger, 16-Tore-Mann Srdjan Lakic, vergessen machen kann? Ich bin mir noch nicht sicher. Shechter erinnert mich ein wenig an Schalkes Brasilianer Edu – schnell, kampfstark, aber nicht wirklich ein Knipser. Weitere Infos zur sportlichen Einschätzung Shechters finden sich in meinem Beitrag über den Angreifer auf bundesliga.de.


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