Antifa goes Datenjournalismus

18. Januar 2013

Über die Vielzahl an Büchern, die bereits zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) erschienen sind, habe ich bereits vor einiger Zeit in der Jüdischen Allgemeinen und auf Netz-gegen-Nazis berichtet. An dieser Stelle ist die Rede von etwas ganz anderem als Büchern: Antifaschistische Arbeit mithilfe von Datenjournalismus.

Ein Interview, das ich am 11. Januar 2013 mit Felix Hansen vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V. (Apabiz) für einen Artikel in der Jungle World geführt habe: Es geht um das Apabiz-Projekt „Rechtes Land. Atlas zur extremen Rechten und zur Nazi-Vergangenheit“, Datenjournalismus und Crowdfunding sowie den NSU. In welche Richtung das Ganze gehen kann, hat die Amadeu Antonio Stiftung bereits mit einer, allerdings statischen, Übersichtskarte über die geographische Verteilung von Nazi-Kameradschaften gezeigt.

Felix Hansen, was ist die Idee hinter Eurem Projekt „Rechtes Land“?

Es gibt verschiedenste Quellen für Informationen zur extremen Rechten: Diverse Publikationen, Initiativen, die ein enormes Wissen über Nazis in bestimmten Regionen haben, journalistische Blogs, Inis, die auf einer lokalen Ebene Entwicklungen beobachten und dokumentieren. Es gibt Initiativen, die Aktionen machen und sich gegen Nazis stellen, wenn Aufmärsche oder Kundgebungen stattfinden. Die Idee ist jetzt, dieses Wissen auf einer Karte zusammenzuführen und über diesen visuellen Zugang eine übersichtliche Quellensammlung zu schaffen.

Was genau ist der Vorteil, diese Sammlung in Atlas-Form zu schaffen?

Den Vorteil sehen wir darin, dass man auf diese Weise lokal vorhandenes Wissen breit zugänglich machen kann. Also Wissen, das in einer bestimmten Region vorhanden ist. Beispielsweise in einem bestimmten Bezirk von Berlin, wo es Initiativen gibt, die Übergriffe dokumentieren. Das Wissen gibt es vielleicht auf deren Website, aber normalerweise wird niemand, der nicht speziell danach sucht, darauf stoßen. Über eine Karte, wie wir sie planen, ist es relativ einfach, sich durch bestimmte Kategorien durchzuklicken. So kann ich etwa auf Berlin klicken und sofort sehen, was Initiativen und Beratungsstellen dort an Übergriffen dokumentiert haben.

Dadurch bekommt man ja auch leichter die Möglichkeit, visuell bestimmte Häufungen von Übergriffen, Aufmärschen oder anderen Nazi-Aktivitäten zu erkennen.

Ganz genau. Das ist sicherlich auch eine Idee hinter dem Projekt, dass man auf diese Weise Schwerpunkte in bestimmten Regionen erkennt, in denen gewisse Entwicklungen stattfinden. In eine Beta-Version der Karte haben wir zum Beispiel alle rechten Morde seit 1990 aufgenommen. Das ist ja Wissen, das es bereits gibt, in Form von großen Listen, die von Journalistinnen und Journalisten, von Opferberatungsstellen und Initiativen recherchiert wurde. Und wenn wir diese Morde jetzt auf einer Karte verzeichnen, sehen wir schnell bestimmte Schwerpunkte. Einer liegt zum Beispiel im Westen Deutschlands, in Nordrhein-Westfalen. Ein solcher Schwerpunkt ist im öffentlichen Bewusstsein über Nazis in der Form gar nicht vorhanden.

Dort ist ja vor allem der Osten als Schwerpunkt verankert.

Genau. Der Osten ist sicherlich auch ein Schwerpunkt, aber es gibt eben auch Häufungen in bestimmten Regionen des Westens, die man auf einer solchen Karte relativ schnell erkennt. Das ist ein großer Vorteil einer Karte gegenüber einer Liste, in der an sich die gleichen Informationen vorhanden sind, aber eben die bildliche Darstellung fehlt. Durch den Atlas kann man bestimmte Zusammenhänge sehr gut darstellen.

Seit Februar 2012 betreibt das Apabiz ja bereits ein NSU-Watchblog, das ebenfalls schon interaktive Elemente enthält – ist das gewissermaßen der Vorläufer von „Rechtes Land“?

Ja, wir sind schon seit einiger Zeit dabei, herum zuspielen und zu experimentieren, was es für Möglichkeiten gibt, vorhandenes Wissen in einer modernen, datenjournalistischen Form darzustellen, um dadurch Strukturen besser zu erkennen. Das gilt gerade beim Thema NSU. Da waren wir mit einer Fülle von Informationen, Daten und Orten konfrontiert. Wir wollten schauen, wie wir selbst einen Zugang dazu bekommen können, wie wir das selber ordnen können. Also haben wir versucht, die einzelnen Taten des NSU – Morde, Bombenanschläge, Banküberfälle sowie Wohnorte der Mitglieder und Unterstützer – darüber abzubilden und zu gucken, was man dadurch erkennen kann.

Folgt diese neue Form von Projekten also dem Motto „Antifa goes Datenjournalismus“?

Es ist sicherlich ein Austesten, was man mit den gesammelten Informationen alles machen kann, welche Möglichkeiten sich bieten. Oft sind es ja keine Informationen, die erst noch recherchiert werden müssten, sondern es ist eine neue Form der Aufbereitung und der Versuch, darüber nochmal einen neuen Zugang zu bestimmten Zusammenhängen zu bekommen – für uns selber, aber auch für Leute, die vielleicht nicht so in der Materie sind.

Wie funktioniert die technische Umsetzung?

Wir haben mit der Firma „Lokaler“ einen Kooperationspartner, der eine Kartenanwendung als Content Management System entwickelt hat. In das kann man Informationen aus verschiedenen Quellen einfließen lassen, die dann auf einer Karte dargestellt werden. Es handelt sich dabei um eine OpenStreetMap-Karte, also die frei zugängliche Alternative zu GoogleMaps, über die dann Marker abgebildet werden.

Gibt es auch aus dem Journalismus Kooperationspartner?

Bislang noch nicht. Es gab bereits viel Feedback aus Initiativen. Aber gerade bei Journalistinnen und Journalisten, die nicht besonders in der Materie drin sind, fällt immer wieder auf, welche Leerstellen in puncto Wissen und Zusammenhänge existieren. Natürlich gibt es einige wenige, die auch schon seit Jahren intensiv zu diesem Themenkomplex recherchieren. Aber im Großen und Ganzen, auch dadurch, dass im ganzen Journalismus sehr viel gespart wird, ist das ein Thema, das bis zum November 2011 quasi flach fiel.

Rechtes Land: Schreenshot von Startnext.de

Rechtes Land: Schreenshot von Startnext.de

Das Projekt „Rechtes Land“ soll durch eine Crowdfunding-Initiative finanziert werden – wie kam es zu dieser Idee?

Das bot sich an, weil wir „Rechtes Land“ als unabhängiges Projekt durchführen wollten, ohne große Einzelförderer. Bei einem solchen Netzprojekt liegt es zudem nahe, mal eine neue Form der Finanzierung auszuprobieren. Das ist für uns auch ein Experimentierfeld, um zu schauen: Funktioniert so etwas überhaupt? Man erreicht darüber ja auch noch andere Leute, zu denen man sonst vielleicht nicht so den Zugang hat, weil sie nicht Teil unseres klassischen Netzwerkes sind. Das ist jedenfalls schon jetzt unsere Erfahrung, nachdem das Projekt Anfang Januar startete.

Warum ist die Unbhängigkeit so wichtig?

Uns geht es darum, dass wir keine inhaltlichen Kompromisse machen müssen. Zum Beispiel gibt es bei der Förderung durch staatliche Gelder immer wieder Probleme mit der „Extremismusklausel“.

Das ganze läuft auf der Plattform „Startnext.de“. Wie läuft das Crowdfunding dort ab?

Das Prinzip ist, dass man sagt: Ich brauche eine Summe „X“. Bei uns sind das 5.000 Euro, um die Anschubfinanzierung für das Projekt hereinzubekommen. Über „Startnext.de“ können dann Leute für das Projekt Geld spenden. Die Mindestbeiträge sind sehr niedrig angesetzt. Wir haben gesagt: Wir brauchen 1.000 mal fünf Euro. Die Aktion läuft dann über 30 Tage. In dieser Zeit müssen die 5.000 Euro zusammenkommen. Wenn das nicht klappt, wird es das Projekt nicht geben.

Was passiert, wenn Ihr das Ziel von 5.000 Euro sogar übertrefft?

Dieser Betrag ist für uns eine Mindestsumme, um davon hauptsächlich Honorare für Leute zu bezahlen, die das Projekt redaktionell betreuen. Die technische Plattform wird uns glücklicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt. Sollte mehr zusammen kommen, können wir noch mehr Arbeit hineinstecken, also noch mehr Informationen verarbeiten. Im wesentlichen geht es dabei um das Einpflegen bereits existierender Rechercheergebnisse. Es gibt aber auch Überlegungen, noch zusätzliche Informationen zu sammeln. Beispielsweise was die Anzahl rechter Aufmärsche angeht. Dazu gibt es zwar durch Kleine Anfragen Zahlen von der Bundesregierung, aber es hat sich gezeigt, dass diese unvollständig sind. Sollten sogar mehr als 8.000 Euro zusammen kommen, geben wir die zusätzlichen Gelder weiter für die unabhängige Beobachtung des NSU-Prozesses in München, der wahrscheinlich im April beginnt.

Vielen Dank für das Gespräch.

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„Bei Pyro läuft die Fahndung im Nu, doch niemand findet den NSU“

24. April 2012

Die liebe @nick_f95 hatte mich kürzlich über Twitter auf die Idee gebracht, meine Anwesenheit in Düsseldorf mit einem Besuch des ehemaligen Rheinstadions (nach Neubau zuerst LTU-, inzwischen Esprit-Arena genannt, aber who cares?) zu verbinden. Gedacht, getan – zumal meine Lieblings-Zweitligamannschaft  1. FC Union Berlin zu Gast war. Zwar galt auch für mich: „Ich hätte mich gerne gefreut“ – wie die Kolleg_innen vom Textilvergehen ihren neuen, mal wieder vorzüglichen Podcast betitelt haben – über einen Sieg der Eisernen natürlich. Andererseits brauchte die Fortuna die Punkte dringender und auch mir wäre ein Aufsteiger aus Düsseldorf allemal lieber als einer aus Paderborn. Das dachten sich wohl auch „Tusche“ und Co. und stellten nach dem Seitenwechsel das Spiel nach vorn ein, wodurch der 1:2-Pausenrückstand nicht mehr wettzumachen war.

Unioner in Düsseldorf

Unioner in Düsseldorf. (c) André Anchuelo

Anders als die Textilvergeher_innen finde ich aber die Düsseldorfer Arena absolut okay. Von außen sieht sie sicherlich aus wie eine billig hingepappte Messehalle (von solchen ist sie ja auch umgeben), aber der Innenraum macht durchaus Eindruck. Das gilt auch für den Support des Düsseldorfer Anhangs  – von meinem Platz aus konnte ich sowohl Fortunen als auch Unioner hören und das nicht gerade leise. Standesgemäß, weil im eigenen Stadion, machten die Heimfans natürlich mehr Lärm – auf einem Pegel, der durchaus mit dem in der Alten Försterei oder bei Dynamo Dresden vergleichbar war. 33.637 Zuschauer_innen sind in Liga 2 auch nicht gerade alltäglich. Albern, da hat „Textilvergehen“ sicher recht, sind die bunten Sitze, die im Fernsehen leere Ränge als voll erscheinen lassen sollen. Sie stammen allerdings noch aus einer Zeit, als die Fortuna noch von der Rückkehr in die 2. Liga kaum zu träumen wagte und das Stadion tatsächlich meist ziemlich leer war. Immerhin wurde vor einiger Zeit die Forderung der Fans erfüllt, Stehplätze einzurichten. Vielleicht wäre ja für F95 die mögliche Rückkehr ins Oberhaus ein guter Anlass, die Bestuhlung in ein adäquates Rot-Weiß mit Fortuna-Logo zu ändern?!

Noch lieber sähe ich in der 1. Liga natürlich den FC St. Pauli. Wer angesichts der Vorfälle am Rande des Spiels gegen den FC Hansa aus Rostock vom vergangenen Spieltag jetzt gleich schreit, dort gebe es zu viele Chaoten und die wolle man nicht in der Bundesliga haben, sollte sich lieber erstmal intensiver damit beschäftigen, was dort wirklich passiert ist und welche dubiose Rolle die Hamburger Polizei dabei gespielt hat. Die Kolleg_innen von Publikative.org haben das dankenswerterweise getan – einfach mal nachlesen! Im Vorfeld schrieben sie:

Die Hamburger Polizeiführung hat mit ihrem Verbot des Verkaufs von Eintrittskarten an Fans von Hansa Rostock exakt die Situation heraufbeschworen, vor der das Verbot die Öffentlichkeit vermeintlich schützen sollte. Angesichts der vermutlich bevorstehenden Ausschreitungen muss betont werden, wie gefährlich dieser Vorgang für unsere Vorstellung von öffentlichem Raum in einer Demokratie insgesamt ist – jenseits von Fußball und Gewalt. [weiterlesen]

und in der Nachbetrachtung:

Die Hamburger Polizei hat bekommen, was sie angeblich verhindern wollte: Eine Straßenschlacht, jede Menge Aufmerksamkeit in ihrem Sinne durch eine willfährige Lokalpresse und zahlreiche “Argumente”, künftig noch härter durchzugreifen. Wir fragen uns dagegen: Was sollte dieser Polizeieinsatz? [weiterlesen]

Fortuna-Pyro in Dresden

Fortuna-Pyro in Dresden. (c) André Anchuelo

Wenn man sich das alles so ansieht und dann im Gegensatz dazu betrachtet, was im Thüringer Landtag beim Untersuchungsausschuss zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) derzeit so alles ans Licht kommt und was außerdem nicht ans Licht kommt (bzw. kommen soll), erscheint ein Transpi, das ich am Sonntag in der Düsseldorfer Kurve sah, leider so gar nicht an den Haaren herbeigezogen. Die Ultras schrieben drauf:

Bei Pyro läuft die Fahndung im Nu, doch niemand findet den NSU

Christina Büttner von der Opferberatungsstelle „esra“ diagnostizierte im Thüringer Untersuchungsausschuss zum Thema NSU: „Es würde heute nicht anders laufen. Noch hat sich gar nichts geändert.“

Dass dies genauso für Berlin gelten kann, zeigt der polizeiliche Umgang mit tödlichen Schüssen auf Migranten in Neukölln.


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